Sie haben geerbt, und ein Pflichtteilsberechtigter, etwa ein enterbtes Kind oder der übergangene Ehepartner, verlangt ein Nachlassverzeichnis. Als Alleinerbe sind Sie dann gesetzlich verpflichtet, dieses Verzeichnis zu erstellen. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen Schritt für Schritt, was hineingehört, welche Fristen gelten und wie Sie es vollständig und nachvollziehbar aufstellen.
Was ist ein Nachlassverzeichnis und wann brauchen Sie es?
Ein Nachlassverzeichnis ist eine geordnete Aufstellung über den gesamten Nachlass eines Verstorbenen zum Zeitpunkt des Todes. Es listet sämtliche Vermögenswerte (Aktiva) und Schulden (Passiva) auf, damit sich der Wert des Erbes objektiv bestimmen lässt.
Als Alleinerbe treten Sie mit dem Erbfall in die Rechtsstellung des Verstorbenen ein – man spricht von der Gesamtrechtsnachfolge nach § 1922 BGB. Ein Nachlassverzeichnis brauchen Sie vor allem dann, wenn:
- ein Pflichtteilsberechtigter seinen Anspruch berechnen will,
- das Nachlassgericht es im Zusammenhang mit einer Nachlasspflegschaft oder Nachlassverwaltung verlangt,
- Sie selbst einen Überblick über Aktiva und Passiva benötigen, etwa um über eine Erbschaftsausschlagung zu entscheiden,
- Sie eine Erbschaftsteuererklärung beim Finanzamt einreichen müssen.
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Erbfolge simulieren – kostenlos ›Wer kann ein Nachlassverzeichnis verlangen (Pflichtteilsberechtigte)?
Der häufigste Grund für ein Nachlassverzeichnis ist ein Pflichtteilsanspruch. Wenn nahe Angehörige durch ein Testament enterbt wurden, steht ihnen nach § 2303 BGB der Pflichtteil zu – die Hälfte des gesetzlichen Erbteils in Geld.
Pflichtteilsberechtigt sind:
- die Abkömmlinge (Kinder, Enkel), vgl. gesetzliche Erbfolge nach § 1924 BGB und folgende,
- der Ehegatte beziehungsweise eingetragene Lebenspartner,
- die Eltern des Verstorbenen – aber nur, wenn keine Abkömmlinge vorhanden sind.
Damit der Pflichtteilsberechtigte seinen Anspruch überhaupt berechnen kann, hat er gegen Sie als Alleinerben einen Auskunftsanspruch (§ 2314 Abs. 1 BGB). Sie sind verpflichtet, ein Verzeichnis über den Bestand des Nachlasses vorzulegen (§ 260 Abs. 1 BGB). Geschwister und weiter entfernte Verwandte sind übrigens nicht pflichtteilsberechtigt und können daher grundsätzlich auch kein Nachlassverzeichnis verlangen.
Was gehört ins Nachlassverzeichnis – die vollständige Liste
Das Verzeichnis muss vollständig und wahrheitsgemäß sein. Erfasst wird der Bestand zum Todestag. Dazu gehören:
Aktiva (Vermögenswerte)
- Bankguthaben, Sparbücher, Tagesgeld- und Festgeldkonten mit Kontostand am Todestag,
- Bargeld und Wertsachen (Schmuck, Kunst, Sammlungen),
- Wertpapiere, Aktien, Fonds und Depots,
- Immobilien und Grundstücke inklusive Grundbuchangaben,
- Fahrzeuge,
- Lebens- und Rentenversicherungen, soweit sie in den Nachlass fallen,
- Ansprüche gegen Dritte (etwa ausstehende Darlehen, Steuererstattungen),
- Hausrat und persönliche Gegenstände von Wert,
- Firmenanteile und Beteiligungen.
Passiva (Verbindlichkeiten)
- offene Kredite und Darlehen,
- Bestattungskosten,
- Steuerschulden,
- offene Rechnungen (Pflegeheim, Handwerker, laufende Verträge),
- Vermächtnisse und Auflagen aus dem Testament. Führen Sie sie gesondert auf: Den Wert, aus dem der Pflichtteil berechnet wird, mindern sie nicht. Der Erbe kann sie aber anteilig kürzen, damit die Bedachten die Pflichtteilslast mittragen (§ 2318 Abs. 1 BGB).
Fiktive Nachlasswerte
Für die Pflichtteilsberechnung sind zusätzlich Schenkungen der letzten zehn Jahre anzugeben (dazu unten mehr). Diese fließen als sogenannter Pflichtteilsergänzungsanspruch in die Berechnung ein.
Vorlage: Nachlassverzeichnis als Tabelle
Mit dieser Vorlage halten Sie alles an einer Stelle fest. Stichtag ist der Todestag, denn für den Pflichtteil zählen Bestand und Wert des Nachlasses zur Zeit des Erbfalls (§ 2311 Abs. 1 BGB). Dieselbe Gliederung passt auch für ein Inventar, das Sie beim Nachlassgericht einreichen können: Hinein gehören die beim Erbfall vorhandenen Gegenstände und Verbindlichkeiten mit Beschreibung und Wert (§ 1993, § 2001 BGB).
| Posten | Angaben und Beleg | Wert |
|---|---|---|
| Stichtag und Beteiligte | ||
| Verstorbene Person | Name, Geburtsdatum, letzte Anschrift | – |
| Stichtag | Todestag (Erbfall) | Datum |
| Aufgestellt von | Name, Datum der Aufstellung | – |
| A. Aktiva (Vermögen) | ||
| Bankkonten | Bank, Kontoart, Kontostand zum Todestag (Bestätigung der Bank) | … € |
| Wertpapiere und Depots | Depotbank, Kurswert zum Todestag | … € |
| Immobilien | Lage, Grundbuchblatt, Verkehrswert mit Grundlage (Gutachten, Vergleichswerte) | … € |
| Fahrzeuge | Marke, Kennzeichen, Wertgrundlage | … € |
| Versicherungen | nur soweit sie in den Nachlass fallen | … € |
| Forderungen | Darlehen an Dritte, Erstattungen, Guthaben | … € |
| Bargeld, Schmuck, Hausrat | Beschreibung der Gegenstände von Wert | … € |
| Beteiligungen | Firmenanteile mit Bewertungsgrundlage | … € |
| Summe Aktiva | … € | |
| B. Passiva (Schulden) | ||
| Schulden der verstorbenen Person | Kredite, offene Rechnungen, Steuern (mit Beleg) | … € |
| Kosten der Bestattung | Rechnungen; diese Kosten tragen die Erben (§ 1968 BGB) | … € |
| Summe Passiva | … € | |
| Reinnachlass (Aktiva minus Passiva) | … € | |
| C. Schenkungen der letzten zehn Jahre | ||
| Schenkung | Datum der Leistung, Empfänger, Gegenstand; Wert nach § 2325 Abs. 2 BGB | … € |
| D. Gesondert: Vermächtnisse und Auflagen | ||
| Vermächtnis oder Auflage | bedachte Person, Inhalt laut Testament | … € |
Privates vs. notarielles Nachlassverzeichnis: Unterschiede und Kosten
Der Pflichtteilsberechtigte kann wählen, welche Form er verlangt: ein Verzeichnis von Ihnen, bei dessen Aufnahme er auf Wunsch dabei ist, oder ein amtlich aufgenommenes Verzeichnis, in der Praxis durch einen Notar (§ 2314 Abs. 1 Satz 2 und 3 BGB).
Privates Nachlassverzeichnis
Dieses erstellen Sie selbst. Es ist kostengünstig, weil Sie es ohne Notar aufsetzen. Nachteil: Der Berechtigte misstraut privaten Angaben häufig und kann bei begründeten Zweifeln eine eidesstattliche Versicherung über die Richtigkeit und Vollständigkeit verlangen (§ 260 Abs. 2 BGB).
Notarielles Nachlassverzeichnis
Verlangt der Pflichtteilsberechtigte ein notarielles Verzeichnis, muss ein Notar den Bestand des Nachlasses selbst ermitteln und aufnehmen. Das gilt als besonders zuverlässig, weil der Notar eigene Recherchen anstellt, etwa Kontostände abfragt und die Angaben prüft.
Die Kosten richten sich nach dem Wert des Nachlasses und fallen dem Nachlass zur Last (§ 2314 Abs. 2 BGB), wirtschaftlich tragen sie also Sie als Erbe. Bei einem größeren Nachlass können hier vierstellige Beträge entstehen. Der Anspruch auf ein notarielles Verzeichnis besteht zusätzlich zum privaten – der Pflichtteilsberechtigte muss sich also nicht mit einem selbst erstellten begnügen, wenn er das notarielle wünscht.
Fristen: Wann und wie schnell Sie liefern müssen
Das Gesetz nennt keine starre Tagesfrist. Sie müssen das Verzeichnis aber innerhalb angemessener Zeit erstellen. In der Praxis setzt der Pflichtteilsberechtigte oder dessen Anwalt Ihnen häufig eine Frist von zwei bis sechs Wochen.
Der Berechtigte kann den Auskunftsanspruch gerichtlich durchsetzen; vollstreckt wird ein solches Urteil nach § 888 ZPO. Am einfachsten ist es deshalb, früh zu antworten: Fallen Ihnen einzelne Angaben schwer, legen Sie zunächst ein vorläufiges Verzeichnis vor und kennzeichnen Sie offene Punkte. So bleibt die Abstimmung sachlich.
Schenkungen der letzten 10 Jahre richtig angeben
Für den Pflichtteilsergänzungsanspruch sind Schenkungen relevant, die der Verstorbene in den letzten zehn Jahren vor dem Tod gemacht hat. Der Wert solcher Schenkungen wird dem Nachlass fiktiv hinzugerechnet.
- Eine Schenkung im letzten Jahr vor dem Tod zählt voll, für jedes weitere Jahr davor um ein Zehntel weniger. Sind seit der Leistung zehn Jahre vergangen, bleibt sie unberücksichtigt (§ 2325 Abs. 3 BGB, sogenanntes Abschmelzungsmodell).
- Bei Schenkungen an den Ehegatten beginnt die Frist nicht vor der Auflösung der Ehe (§ 2325 Abs. 3 Satz 3 BGB). Bestand die Ehe bis zum Tod, zählt die Schenkung deshalb in voller Höhe.
- Anzugeben sind Geldgeschenke, verschenkte Immobilien, Übergaben von Wertpapieren und auch gemischte Schenkungen (etwa Verkauf weit unter Wert).
- Angesetzt wird bei Geld und anderen verbrauchbaren Sachen der Wert zur Zeit der Schenkung, bei anderen Gegenständen der Wert beim Erbfall, höchstens aber der Wert zur Zeit der Schenkung (§ 2325 Abs. 2 BGB).
Tragen Sie zusammen, was Sie über größere Zuwendungen wissen, und geben Sie es vollständig an. Besteht Grund zu der Annahme, dass das Verzeichnis nicht mit der nötigen Sorgfalt aufgestellt wurde, kann der Berechtigte verlangen, dass Sie die Vollständigkeit an Eides statt versichern (§ 260 Abs. 2 BGB). Eine falsche Versicherung an Eides statt ist strafbar (§ 156 StGB).
Häufige Fehler – und wie Sie sie vermeiden
- Unvollständigkeit: Vergessene Konten, Depots oder Wertgegenstände wecken Misstrauen und führen zur Forderung nach eidesstattlicher Versicherung.
- Schenkungen weglassen: Schenkungen der letzten zehn Jahre gehören ins Verzeichnis, weil sie dem Nachlass für die Pflichtteilsergänzung hinzugerechnet werden (§ 2325 Abs. 1 BGB).
- Passiva ohne Beleg: Führen Sie nur Schulden auf, die am Todestag bestanden oder durch den Erbfall entstanden sind, etwa die Kosten der Bestattung, und legen Sie jeweils einen Beleg bei.
- Fristen verstreichen lassen: Melden Sie sich innerhalb der gesetzten Frist, notfalls mit einem vorläufigen Verzeichnis.
- Belege fehlen: Ohne Kontoauszüge und Nachweise wirkt das Verzeichnis unglaubwürdig.
- Wertansatz ohne Grundlage: Immobilienwerte sollten Sie mit einem Gutachten oder nachvollziehbaren Vergleichswerten belegen.
Nachlassverzeichnis erstellen: Schritt für Schritt
So kommen Sie geordnet zu einem vollständigen Verzeichnis:
- Stichtag festhalten. Alle Angaben beziehen sich auf den Todestag. Tragen Sie ihn oben in die Vorlage ein.
- Erbenstellung und Unterlagen klären. Sichten Sie Testament, Erbschein, Post und Kontoauszüge. Ist ein Testamentsvollstrecker eingesetzt, teilt er Ihnen unverzüglich nach Annahme seines Amts ein Verzeichnis der Nachlassgegenstände und der bekannten Nachlassverbindlichkeiten mit (§ 2215 Abs. 1 BGB). Darauf können Sie aufbauen.
- Kontostände und Depotwerte anfordern. Bitten Sie jede Bank um eine Bestätigung zum Todestag und fragen Sie bei Versicherungen nach, ob und an wen sie leisten.
- Immobilien und Wertgegenstände bewerten. Besorgen Sie Grundbuchauszüge und belegen Sie Werte nachvollziehbar. Der Pflichtteilsberechtigte kann verlangen, dass der Wert ermittelt wird; die Kosten trägt der Nachlass (§ 2314 BGB).
- Schulden und Kosten erfassen. Kredite, offene Rechnungen, Steuern und die Kosten der Bestattung gehören auf die Passivseite.
- Schenkungen der letzten zehn Jahre zusammentragen. Mit Datum der Leistung, Empfänger und Wert, auch Zuwendungen an den Ehegatten.
- Vorlage ausfüllen und unterschreiben. Nummerieren Sie die Belege fortlaufend, vermerken Sie die Nummer in der passenden Zeile und versehen Sie das Verzeichnis mit Datum und Unterschrift.
- Form früh abstimmen. Der Pflichtteilsberechtigte kann bei der Aufnahme dabei sein oder ein notarielles Verzeichnis verlangen. Klären Sie deshalb vorab, welche Form er wünscht.
Häufige Fragen
Muss ich als Alleinerbe ungefragt ein Nachlassverzeichnis erstellen?
Nein. Die Pflicht entsteht, wenn ein Berechtigter – etwa ein Pflichtteilsberechtigter, das Nachlassgericht oder das Finanzamt – es verlangt. Für Ihre eigene Übersicht ist ein Verzeichnis dennoch sinnvoll.
Wer trägt die Kosten des notariellen Nachlassverzeichnisses?
Die Kosten gehören zu den Nachlassverbindlichkeiten und werden aus dem Nachlass beglichen. Wirtschaftlich trägt sie damit der Erbe, nicht der Pflichtteilsberechtigte.
Kann ich mich weigern, Auskunft über Schenkungen zu geben?
Nein. Der Auskunftsanspruch umfasst auch Schenkungen, die für die Pflichtteilsergänzung zählen. Er lässt sich gerichtlich durchsetzen; vollstreckt wird ein solches Urteil nach § 888 ZPO.
Damit Ihre Angehörigen im Erbfall nicht vor verstreuten Unterlagen stehen, lohnt es sich, Konten, Verträge und Vermögenswerte schon zu Lebzeiten geordnet abzulegen – dabei hilft Ihnen der Notfalltresor. Wenn Sie zusätzlich für den Fall der Entscheidungsunfähigkeit vorsorgen möchten, können Sie eine Vorsorgevollmacht online ohne Notar erstellen.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Stand: Oktober 2026.