Für die Pflegereform 2027 sind neue Punkteschwellen für die Pflegegrade geplant. Dieser Ratgeber zeigt, was sich laut Entwurf ändern soll, ob ein anerkannter Pflegegrad sicher ist, was für Anträge im Jahr 2026 gilt und wie Sie sich gut auf die Begutachtung vorbereiten.
Regierungsentwurf beschlossen am 30.09.2026. Das Bundeskabinett hat den Regierungsentwurf zur Pflegereform am 30. September 2026 beschlossen. Als Nächstes beraten Bundestag und Bundesrat darüber. Als Gesetz beschlossen ist damit noch nichts: Bis ein Gesetz verabschiedet ist, gilt das heutige Recht. Quelle: Bundesgesundheitsministerium.
Was sich 2027 bei den Pflegegrad-Schwellen ändern soll
Der Pflegegrad ergibt sich aus Punkten, die der Medizinische Dienst in sechs Modulen vergibt, von der Mobilität bis zur Gestaltung des Alltags (§ 15 SGB XI). Laut Regierungsentwurf vom 30. September 2026 sollen sich die Schwellen so ändern:
| Pflegegrad | heute (§ 15 SGB XI) | geplant ab 2027 |
|---|---|---|
| kein Pflegegrad | unter 12,5 Punkte | unter 15 Punkte |
| Pflegegrad 1 | 12,5 bis unter 27 | 15 bis unter 30 |
| Pflegegrad 2 | 27 bis unter 47,5 | 30 bis unter 50 |
| Pflegegrad 3 | 47,5 bis unter 70 | 50 bis unter 70 |
| Pflegegrad 4 | 70 bis unter 90 | 70 bis unter 90 |
| Pflegegrad 5 | 90 bis 100 | 90 bis 100 |
Zusätzlich würde die Umrechnungstabelle (Anlage 2 zu § 15 SGB XI) für die Module Mobilität, Selbstversorgung sowie Alltag und soziale Kontakte geändert; die Kriterien und ihre Gewichtung blieben gleich. Als Gesetz beschlossen ist das noch nicht. Bis ein Gesetz in Kraft ist, wird nach den heutigen Schwellen begutachtet.
Welcher Pflegegrad ist realistisch? Der Pflegegrad-Rechner geht die sechs Module der Begutachtung durch – mit Ergebnis nach heutigem Recht und im Vergleich zum Entwurf für 2027.
Pflegegrad berechnen – kostenlos ›Ist mein Pflegegrad sicher?
Laut Regierungsentwurf vom 30. September 2026 ja, wenn er schon anerkannt ist: Ein Pflegegrad nach dem bis zum 31. Dezember 2026 geltenden Recht soll bis zur nächsten Begutachtung bestehen bleiben und nicht allein wegen der neuen Schwellen oder der neuen Umrechnungstabelle verloren gehen (geplanter § 142b Abs. 2 SGB XI). Nach der Begründung wäre auch eine Herabstufung ausgeschlossen, solange die Einstufung nach bisherigem Recht fortbestehen würde, und Neubegutachtungen allein wegen der Gesetzesänderung soll es nicht geben.
Wie heute gilt: Bessert sich der Gesundheitszustand tatsächlich, kann eine neue Begutachtung zu einem niedrigeren Pflegegrad führen; verschlechtert er sich, können Sie jederzeit eine Höherstufung beantragen. Bewahren Sie Ihren Bescheid gut auf, er belegt Ihren anerkannten Pflegegrad.
Warum die Begutachtung jetzt noch entscheidender wird
Der Pflegegrad ergibt sich aus einem Punktesystem. Werden die Schwellen enger gefasst, entscheiden schon wenige Punkte über die Einstufung. Ein gut vorbereiteter Termin, bei dem der Gutachter den realen Alltag mit all seinen Einschränkungen erfasst, kann daher den Unterschied ausmachen. Mit unserem Rechner können Sie Ihren Pflegegrad nach heutigem Recht und nach dem Entwurf für 2027 berechnen.
Viele Menschen unterschätzen sich am Begutachtungstag – aus Stolz oder aus dem Wunsch, sich zusammenzureißen. Genau das führt oft zu einer zu niedrigen Einstufung. Der Gutachter sieht nur eine Momentaufnahme. Was Sie an einem guten Tag noch schaffen, sagt nichts über die Belastung an schlechten Tagen aus.
Der Weg zum Pflegegrad: Antrag und MD-Termin
Der Weg zum Pflegegrad beginnt mit einem formlosen Antrag bei Ihrer Pflegekasse, die bei der jeweiligen Krankenkasse angesiedelt ist. Ein kurzer Anruf oder Brief genügt zunächst – wichtig ist das Datum, denn Leistungen werden ab Antragstellung berechnet.
- Antrag telefonisch, schriftlich oder online stellen.
- Die Pflegekasse sendet ein Antragsformular zu.
- Der Medizinische Dienst (MD) – bei Privatversicherten Medicproof – kündigt einen Begutachtungstermin an.
- Der Gutachter kommt zu Ihnen nach Hause (oder in die Einrichtung).
- Sie erhalten anschließend den Bescheid mit der Einstufung.
Die Pflegekasse muss spätestens 25 Arbeitstage nach Eingang des Antrags schriftlich entscheiden (§ 18c Abs. 1 SGB XI). Bei besonderer Dringlichkeit gelten kürzere Fristen für die Begutachtung. Welche Fristen und Rechte bei der Begutachtung gelten, erklärt unser Pflegegrad-Ratgeber.
So bereiten Sie sich auf die Begutachtung vor (Checkliste)
Eine gute Vorbereitung ist keine Übertreibung, sondern sorgt dafür, dass der reale Hilfebedarf sichtbar wird. Nutzen Sie diese Checkliste:
- Vertrauensperson beim Termin dabei haben – sie kann ergänzen, was Sie übersehen.
- Alle ärztlichen Unterlagen, Arztbriefe, Diagnosen und Medikamentenpläne bereitlegen.
- Hilfsmittel (Rollator, Toilettenstuhl, Hörgerät) sichtbar platzieren.
- Ein Pflegetagebuch über mindestens ein bis zwei Wochen führen (siehe unten).
- Notieren, welche Tätigkeiten Sie nur mit Hilfe, teilweise oder gar nicht mehr bewältigen.
- Auch kognitive und psychische Einschränkungen ansprechen – Vergesslichkeit, Orientierungsprobleme, Antriebslosigkeit.
- Nichts beschönigen: Beschreiben Sie ehrlich auch die schlechten Tage.
Pflegetagebuch führen: Das überzeugt den Gutachter
Ein Pflegetagebuch ist das wirkungsvollste Werkzeug, um den Hilfebedarf greifbar zu machen. Halten Sie über ein bis zwei Wochen fest, bei welchen Verrichtungen Unterstützung nötig ist – und in welchem Umfang.
Was ins Pflegetagebuch gehört
- Datum und Uhrzeit der Hilfeleistung.
- Art der Tätigkeit (Waschen, Anziehen, Essen, Toilettengang, Medikamente).
- Wie viel Unterstützung nötig war: Anleitung, teilweise Übernahme, vollständige Übernahme.
- Besonderheiten wie nächtlicher Hilfebedarf, Unruhe oder Weglauftendenzen.
Diese Aufzeichnungen zeigen dem Gutachter das Gesamtbild statt einer Momentaufnahme. Legen Sie das Tagebuch beim Termin vor und übergeben Sie eine Kopie.
Widerspruch bei zu niedrigem Pflegegrad einlegen
Fällt der Bescheid niedriger aus als erwartet, haben Sie das Recht, Widerspruch einzulegen – in der Regel innerhalb eines Monats nach Zugang des Bescheids. Die Frist steht in der Rechtsbehelfsbelehrung des Bescheids.
So gehen Sie vor:
- Fristgerecht schriftlichen Widerspruch bei der Pflegekasse einreichen – zunächst genügt eine kurze Begründung, die Sie später ergänzen können.
- Das Gutachten anfordern, um nachzuvollziehen, wie die Punkte vergeben wurden.
- Prüfen, in welchen Modulen der Bedarf zu niedrig eingeschätzt wurde, und dies mit dem Pflegetagebuch und Arztberichten untermauern.
- Häufig folgt eine erneute Begutachtung.
Ein Widerspruch ist kostenfrei und lohnt sich oft. Lassen Sie sich bei Bedarf von einer Pflegeberatung oder einem Sozialverband unterstützen.
Was für Anträge im Jahr 2026 gilt
Leistungen der Pflegeversicherung gibt es nur auf Antrag, frühestens ab dem Monat, in dem Sie ihn stellen (§ 33 Abs. 1 SGB XI). Ist schon heute regelmäßig Hilfe nötig, lohnt sich der Antrag deshalb unabhängig von der Reform.
Laut Regierungsentwurf vom 30. September 2026 soll für die Einstufung das Recht zum Zeitpunkt der Antragstellung maßgeblich sein (geplanter § 142b Abs. 1 SGB XI). Wer bis zum 31. Dezember 2026 beantragt, würde danach mit den heutigen Schwellen begutachtet, auch wenn der Termin erst 2027 stattfindet. Als Gesetz beschlossen ist das noch nicht.
Die ersten drei Monate nach einem neuen Pflegegrad
Der Referentenentwurf vom 5. Juni 2026 sah vor, Pflegebedürftigen der Pflegegrade 2 und 3 in den ersten drei Monaten nach dem erstmaligen Erhalt eines Pflegegrades nur die Hälfte des Budgets zu zahlen. Diese Regel ist im Regierungsentwurf nicht mehr enthalten. Laut Regierungsentwurf vom 30. September 2026 können Pflegebedürftige der Pflegegrade 2 und 3, die Pflegegeld beziehen, in dieser Zeit bis zu zwei zusätzliche Beratungen zu Hause oder per Video in Anspruch nehmen. Als Gesetz beschlossen ist das noch nicht.
Vollmacht und Vorsorge: Wer regelt die Pflege im Ernstfall?
Pflegebedürftigkeit tritt oft plötzlich ein – nach einem Sturz oder Schlaganfall. Dann stellt sich sofort die Frage, wer Anträge stellt, mit Kasse und Ärzten spricht und Entscheidungen trifft. Ohne Vorsorge bestellt das Betreuungsgericht einen rechtlichen Betreuer, siehe § 1814 BGB und folgende.
Mit einer Vorsorgevollmacht bestimmen Sie selbst, wer Sie vertritt. Ergänzend regelt eine Betreuungsverfügung, wen das Gericht bestellen soll, falls doch eine Betreuung nötig wird. Eine Patientenverfügung nach § 1827 BGB hält Ihre Wünsche zur medizinischen Behandlung fest. Für Ehepaare gilt: Seit 2023 besteht in medizinischen Notlagen ein zeitlich begrenztes gesetzliches Notvertretungsrecht unter Ehegatten nach § 1358 BGB – dieses ersetzt aber keine umfassende Vollmacht.
Häufige Fragen
Kann ich den Pflegegrad-Antrag rückwirkend stellen?
Nein, Leistungen werden grundsätzlich ab dem Monat der Antragstellung gewährt, nicht rückwirkend. Deshalb sollten Sie den Antrag stellen, sobald ein Hilfebedarf besteht.
Muss ich das Pflegetagebuch abgeben?
Sie sind dazu nicht verpflichtet, aber es ist sehr empfehlenswert. Das Tagebuch belegt den tatsächlichen Bedarf und hilft dem Gutachter, ein realistisches Bild zu gewinnen.
Wie oft kann der Pflegegrad überprüft werden?
Sie können jederzeit einen Antrag auf Höherstufung stellen, wenn sich Ihr Zustand verschlechtert. Auch die Pflegekasse kann von sich aus eine erneute Begutachtung veranlassen.
Muss ich meinen Pflegegrad 2027 neu beantragen?
Nein. Laut Regierungsentwurf vom 30. September 2026 bleibt ein anerkannter Pflegegrad bis zur nächsten Begutachtung bestehen, und Neubegutachtungen allein wegen der Gesetzesänderung soll es nicht geben. Einen neuen Antrag brauchen Sie nur, wenn Sie wegen eines gestiegenen Hilfebedarfs eine Höherstufung möchten.
Gibt es die Halbierung in den ersten drei Monaten noch?
Nein. Der Referentenentwurf vom 5. Juni 2026 sah vor, Pflegebedürftigen der Pflegegrade 2 und 3 in den ersten drei Monaten nach dem erstmaligen Erhalt eines Pflegegrades nur die Hälfte zu zahlen. Im Regierungsentwurf ist diese Regel nicht mehr enthalten; stattdessen sind in dieser Zeit bis zu zwei zusätzliche Beratungen vorgesehen. Als Gesetz beschlossen ist die Reform noch nicht.
Wie lange dauert es bis zur Entscheidung?
Die Pflegekasse muss spätestens 25 Arbeitstage nach Eingang des Antrags schriftlich entscheiden (§ 18c Abs. 1 SGB XI). Hält sie die Frist nicht ein, zahlt sie in der Regel 70 Euro für jede begonnene Woche der Überschreitung (§ 18c Abs. 5 SGB XI).
Regeln Sie am besten schon vor dem Ernstfall, wer im Fall der Pflegebedürftigkeit für Sie handeln darf – Sie können Ihre Vorsorgevollmacht online ohne Notar erstellen und so sicherstellen, dass eine Vertrauensperson Anträge und Absprachen übernehmen kann. Alle wichtigen Unterlagen – Vollmacht, Patientenverfügung und Pflegetagebuch – bewahren Sie griffbereit im Notfalltresor auf, damit im Ernstfall keine Zeit verloren geht.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Stand: Oktober 2026.