Der Pflichtteil sichert den engsten Angehörigen einen Mindestanteil am Erbe – auch dann, wenn sie im Testament übergangen wurden. Dieser Ratgeber erklärt, wer pflichtteilsberechtigt ist, wie hoch der Pflichtteil in typischen Familien ausfällt, wie er berechnet und eingefordert wird und welche Gestaltungen das Gesetz erlaubt.
Stand: 22. Oktober 2026
Was ist der Pflichtteil?
Der Pflichtteil ist ein gesetzlicher Mindestanspruch am Nachlass. Er steht nahen Angehörigen zu, die durch Testament oder Erbvertrag von der Erbfolge ausgeschlossen wurden, und beträgt die Hälfte des Wertes des gesetzlichen Erbteils (§ 2303 BGB). Der Pflichtteil ist ein reiner Geldanspruch gegen die Erben: Wer ihn verlangt, wird nicht Miteigentümer von Haus oder Konto, sondern bekommt einen Betrag in Geld. Der Anspruch entsteht mit dem Erbfall und ist vererblich und übertragbar (§ 2317 BGB).
Wer erbt in Ihrem Fall wirklich, und wie viel? Der Erbfolge-Simulator zeigt es in 60 Sekunden als Stammbaum.
Erbfolge simulieren – kostenlos ›Wer ist pflichtteilsberechtigt?
- Abkömmlinge des Erblassers: Kinder, auch adoptierte (§ 1754 BGB). Ist ein Kind bereits verstorben, treten dessen Kinder an seine Stelle (§ 1924 Abs. 3 BGB).
- Ehegatte oder eingetragener Lebenspartner (§ 2303 Abs. 2 BGB; § 10 Abs. 6 LPartG).
- Eltern des Erblassers – aber nur, soweit kein Abkömmling vorhanden ist, der den Pflichtteil verlangen kann oder sein Erbe annimmt (§ 2309 BGB).
Keinen Pflichtteil haben Geschwister, Großeltern, Onkel, Tanten, Nichten und Neffen, unverheiratete Partner und Stiefkinder, die nicht adoptiert wurden. Wer sie bedenken möchte, braucht ein Testament. Wie das in Patchwork-Familien gelingt, zeigt der Beitrag Patchwork-Testament.
Wie hoch ist der Pflichtteil? Die Quoten im Überblick
Der Pflichtteil ist immer die Hälfte des gesetzlichen Erbteils. Wie groß dieser Erbteil ist, hängt davon ab, wer sonst noch erbt: Kinder erben zu gleichen Teilen (§ 1924 Abs. 4 BGB). Der Ehegatte erbt neben Kindern ein Viertel (§ 1931 Abs. 1 BGB); lebten die Eheleute im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft, erhöht sich sein Erbteil um ein weiteres Viertel (§ 1371 Abs. 1 BGB). Bei Gütertrennung erben der Ehegatte und ein oder zwei Kinder zu gleichen Teilen (§ 1931 Abs. 4 BGB).
| Familienkonstellation | Gesetzlicher Erbteil je Kind | Pflichtteil je Kind |
|---|---|---|
| 1 Kind, kein Ehegatte | 1/1 | 1/2 |
| 2 Kinder, kein Ehegatte | 1/2 | 1/4 |
| 3 Kinder, kein Ehegatte | 1/3 | 1/6 |
| Ehegatte (Zugewinngemeinschaft) erbt, 1 Kind | 1/2 | 1/4 |
| Ehegatte (Zugewinngemeinschaft) erbt, 2 Kinder | 1/4 | 1/8 |
| Ehegatte (Zugewinngemeinschaft) erbt, 3 Kinder | 1/6 | 1/12 |
| Ehegatte (Gütertrennung), 1 Kind | 1/2 | 1/4 |
| Ehegatte (Gütertrennung), 2 Kinder | 1/3 | 1/6 |
Grundlage: §§ 1924 Abs. 4, 1931 Abs. 1 und 4, 1371 Abs. 1, 2303 Abs. 1 BGB; Quoten eigene Berechnung. Wer in Ihrer Familie gesetzlich erben würde und mit welchem Anteil, zeigt der Erbfolge-Simulator als Stammbaum.
Sonderfall enterbter Ehegatte: Erhält ein Ehegatte im gesetzlichen Güterstand weder Erbteil noch Vermächtnis, kann er den Ausgleich des Zugewinns verlangen; sein Pflichtteil – und auch der anderer Pflichtteilsberechtigter – berechnet sich dann nach dem nicht erhöhten Erbteil (§ 1371 Abs. 2 BGB). Neben Kindern bekommt der Ehegatte dann als Pflichtteil 1/8 zuzüglich Zugewinnausgleich. Für den Pflichtteil von zwei Kindern heißt das: gesetzlicher Erbteil je 3/8, Pflichtteil je 3/16.
Eltern: Hinterlässt der Erblasser keine Kinder, aber einen Ehegatten im gesetzlichen Güterstand, erbt dieser die Hälfte plus ein Viertel (§§ 1931 Abs. 1, 1371 Abs. 1 BGB). Leben beide Eltern, entfällt auf jeden Elternteil ein Achtel, der Pflichtteil beträgt je 1/16. Ohne Ehegatten erben die Eltern allein und zu gleichen Teilen (§ 1925 Abs. 2 BGB); der Pflichtteil beträgt dann je 1/4.
Rechenbeispiel: Berliner Testament mit zwei Kindern
Ein Ehepaar lebt im gesetzlichen Güterstand und hat zwei Kinder. In einem Berliner Testament setzen sich die Eheleute gegenseitig als Alleinerben ein; die Kinder sollen erst nach dem zweiten Todesfall erben. Stirbt der erste Ehegatte, sind die Kinder für diesen Erbfall enterbt. Angenommen, der Nachlass ist 300.000 Euro wert: Jedes Kind hat einen gesetzlichen Erbteil von 1/4 und damit einen Pflichtteil von 1/8, also 37.500 Euro – zusammen 75.000 Euro, die der überlebende Ehegatte in Geld zahlen müsste, wenn beide Kinder ihren Pflichtteil verlangen.
Müsste der Erbe dafür etwa das selbst bewohnte Familienheim aufgeben, kann er Stundung verlangen, wenn die sofortige Erfüllung wegen der Art der Nachlassgegenstände eine unbillige Härte wäre; die Interessen des Pflichtteilsberechtigten sind dabei angemessen zu berücksichtigen (§ 2331a BGB). Was nach dem ersten Todesfall beim Berliner Testament noch möglich ist, erklärt der Beitrag Berliner Testament ändern.
So wird der Nachlasswert ermittelt
Maßgeblich sind Bestand und Wert des Nachlasses zur Zeit des Erbfalls; wo nötig, wird der Wert geschätzt (§ 2311 BGB). Damit der Pflichtteilsberechtigte seinen Anspruch berechnen kann, hat er gegen den Erben einen Auskunftsanspruch (§ 2314 BGB):
- Der Erbe muss über den Bestand des Nachlasses Auskunft geben und ein Verzeichnis der Nachlassgegenstände vorlegen.
- Der Berechtigte kann verlangen, bei der Aufnahme des Verzeichnisses hinzugezogen zu werden.
- Er kann verlangen, dass das Verzeichnis von einem Notar oder einer zuständigen Behörde aufgenommen wird.
- Er kann verlangen, dass der Wert der Nachlassgegenstände ermittelt wird.
- Die Kosten dafür trägt der Nachlass, nicht der Pflichtteilsberechtigte.
Was Erben beim Nachlassverzeichnis beachten müssen, steht im Beitrag Nachlassverzeichnis als Alleinerbe.
Schenkungen zu Lebzeiten: der Pflichtteilsergänzungsanspruch
Hat der Erblasser zu Lebzeiten Vermögen verschenkt, kann der Pflichtteilsberechtigte eine Ergänzung verlangen: Der verschenkte Gegenstand wird dem Nachlass rechnerisch hinzugerechnet (§ 2325 BGB). Dabei gilt eine Abschmelzung:
- Eine Schenkung im letzten Jahr vor dem Erbfall zählt voll.
- Für jedes weitere Jahr zählt sie um ein Zehntel weniger: im zweiten Jahr zu 90 Prozent, im dritten zu 80 Prozent und so weiter, im zehnten Jahr noch zu 10 Prozent.
- Sind seit der Leistung des verschenkten Gegenstands zehn Jahre verstrichen, bleibt die Schenkung unberücksichtigt.
- Bei Schenkungen an den Ehegatten beginnt die Frist nicht vor Auflösung der Ehe.
Warum die Zehn-Jahres-Frist bei vorbehaltenem Nießbrauch oder Wohnrecht oft gar nicht erst zu laufen beginnt, erklärt der Beitrag Pflichtteilsergänzung und 10-Jahres-Frist. Umgekehrt muss sich ein Pflichtteilsberechtigter eine Zuwendung anrechnen lassen, die ihm der Erblasser zu Lebzeiten mit der Bestimmung gemacht hat, dass sie auf den Pflichtteil angerechnet werden soll (§ 2315 BGB).
Pflichtteil geltend machen: Schritt für Schritt
- Klären, ob ein Anspruch besteht: Pflichtteilsberechtigt sind Sie, wenn Sie zum berechtigten Personenkreis gehören und durch Testament oder Erbvertrag von der Erbfolge ausgeschlossen wurden.
- Auskunft verlangen: schriftlich vom Erben, mit Verzeichnis und gegebenenfalls Wertermittlung (§ 2314 BGB).
- Betrag beziffern und fordern: Pflichtteilsquote mal Nachlasswert, gegebenenfalls plus Ergänzung für Schenkungen.
- Fristen beachten: Der Anspruch verjährt in drei Jahren (§ 195 BGB). Die Frist beginnt mit dem Schluss des Jahres, in dem Sie vom Erbfall und den anspruchsbegründenden Umständen erfahren haben (§ 199 Abs. 1 BGB), spätestens gilt eine Höchstfrist von 30 Jahren (§ 199 Abs. 3a BGB). Einzelheiten im Beitrag Verjährung Pflichtteil.
- Steuer bedenken: Ein geltend gemachter Pflichtteil gilt als Erwerb von Todes wegen (§ 3 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG); die Steuer entsteht mit der Geltendmachung (§ 9 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. b ErbStG). Welche Freibeträge gelten, steht im Beitrag Erbschaftsteuer und Freibeträge.
Erbteil mit Auflagen oder nur ein Vermächtnis: wann Ausschlagen in Frage kommt
- Zu kleiner Erbteil: Wer zwar Erbe ist, aber weniger als die Hälfte seines gesetzlichen Erbteils erhält, kann von den Miterben den fehlenden Betrag bis zur Höhe des Pflichtteils verlangen (§ 2305 BGB).
- Erbteil mit Beschränkungen: Ist der Erbteil durch Nacherbschaft, Testamentsvollstreckung oder eine Teilungsanordnung beschränkt oder mit einem Vermächtnis oder einer Auflage beschwert – oder ist der Berechtigte nur als Nacherbe eingesetzt –, kann der Pflichtteilsberechtigte das Erbe ausschlagen und den Pflichtteil verlangen; die Ausschlagungsfrist beginnt erst, wenn er von der Beschränkung erfährt (§ 2306 BGB).
- Nur ein Vermächtnis: Wer ein Vermächtnis ausschlägt, kann den Pflichtteil verlangen. Wer es annimmt, hat keinen Pflichtteilsanspruch, soweit der Wert des Vermächtnisses reicht (§ 2307 BGB).
Für die Ausschlagung einer Erbschaft gilt in der Regel eine Frist von sechs Wochen ab Kenntnis (§ 1944 BGB). Weil eine Ausschlagung weitreichende Folgen hat, sollten Sie diesen Schritt vorher fachkundig prüfen lassen.
Kann man den Pflichtteil entziehen oder ausschließen?
Entziehen kann der Erblasser einem Abkömmling den Pflichtteil nur aus den Gründen, die das Gesetz nennt (§ 2333 BGB): wenn der Abkömmling dem Erblasser, dessen Ehegatten, einem anderen Abkömmling oder einer ähnlich nahestehenden Person nach dem Leben trachtet, sich eines Verbrechens oder schweren vorsätzlichen Vergehens gegen diese Personen schuldig macht, seine gesetzliche Unterhaltspflicht gegenüber dem Erblasser böswillig verletzt oder wegen einer vorsätzlichen Straftat rechtskräftig zu mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt wird und die Teilhabe am Nachlass deshalb unzumutbar ist. Einer solchen Verurteilung steht die rechtskräftig angeordnete Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder einer Entziehungsanstalt wegen einer ähnlich schwerwiegenden vorsätzlichen Tat gleich. Aus denselben Gründen kann auch Eltern und dem Ehegatten der Pflichtteil entzogen werden (§ 2333 Abs. 2 BGB). Die Entziehung muss in einer letztwilligen Verfügung, etwa im Testament, erklärt werden; der Grund muss schon bei der Errichtung bestehen und dort angegeben sein (§ 2336 BGB). Ein bloßes Zerwürfnis oder fehlender Kontakt gehören nicht zu diesen Gründen.
Der einvernehmliche Weg ist der Pflichtteilsverzicht: Ein Angehöriger kann durch Vertrag mit dem Erblasser auf sein Pflichtteilsrecht verzichten (§ 2346 Abs. 2 BGB). Der Vertrag muss notariell beurkundet werden (§ 2348 BGB). So lässt sich etwa ein Familienunternehmen oder eine Immobilie geschlossen an einen Nachfolger übergeben – zum Beispiel gegen eine Abfindung für die Verzichtenden.
Häufige Fragen
Haben Stiefkinder einen Pflichtteil?
Nein. Pflichtteilsberechtigt sind nur Abkömmlinge des Erblassers, sein Ehegatte oder eingetragener Lebenspartner und unter Umständen seine Eltern. Stiefkinder erben nur, wenn sie adoptiert oder im Testament bedacht wurden.
Bekommen Enkel einen Pflichtteil?
Ja, wenn ihr Elternteil – also das Kind des Erblassers – bereits verstorben ist. Dann treten die Enkel an seine Stelle. Solange das Kind lebt und den Pflichtteil verlangen kann oder sein Erbe annimmt, haben die Enkel keinen eigenen Pflichtteil.
Muss der Pflichtteil sofort gezahlt werden?
Der Anspruch entsteht mit dem Erbfall. Wäre die sofortige Zahlung wegen der Art des Nachlasses eine unbillige Härte für den Erben, etwa weil er sein Familienheim aufgeben müsste, kann er eine Stundung verlangen; die Interessen des Berechtigten werden dabei angemessen berücksichtigt (§ 2331a BGB).
Wie lange kann ich den Pflichtteil verlangen?
Drei Jahre ab dem Ende des Jahres, in dem Sie vom Erbfall und Ihrer Enterbung erfahren haben. Unabhängig davon verjährt der Anspruch spätestens 30 Jahre nach seiner Entstehung.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Bei größeren Vermögen, Unternehmen oder Immobilien lohnt sich eine anwaltliche oder notarielle Beratung.
Quellen & weiterführende Links
- § 2303 BGB – Pflichtteilsberechtigte; Höhe des Pflichtteils
- § 1931 BGB und § 1371 BGB – Erbrecht des Ehegatten, Zugewinnausgleich im Todesfall
- § 2311 BGB – Wert des Nachlasses; § 2314 BGB – Auskunftspflicht des Erben
- § 2325 BGB – Pflichtteilsergänzung bei Schenkungen
- § 2333 BGB – Entziehung des Pflichtteils; § 2346 BGB – Verzicht
- § 199 BGB – Beginn der Verjährung