Wer ohne Testament stirbt, überlässt die Verteilung seines gesamten Vermögens dem Gesetz. Die gesetzliche Erbfolge folgt klaren, festen Regeln – doch das Ergebnis entspricht erstaunlich selten dem, was die meisten Menschen erwarten oder sich wünschen würden. Dieser Überblick erklärt verständlich, wer in welcher Reihenfolge erbt, und räumt mit verbreiteten Missverständnissen auf.
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Das deutsche Erbrecht ordnet die Verwandten in sogenannte „Ordnungen". Erben der ersten Ordnung sind die direkten Abkömmlinge: Kinder, Enkel und Urenkel (§ 1924 BGB). Solange ein Erbe der ersten Ordnung lebt, sind sämtliche entfernteren Verwandten vollständig vom Erbe ausgeschlossen. Erst wenn keine Erben erster Ordnung mehr existieren, kommt die zweite Ordnung zum Zug – also Eltern und deren Abkömmlinge, das heißt Geschwister, Nichten und Neffen (§ 1925 BGB).
Innerhalb einer Ordnung gilt das Prinzip der Repräsentation: Lebt ein näherer Verwandter noch, schließt er die durch ihn mit dem Erblasser verbundenen entfernteren Verwandten aus. Ist er bereits verstorben, treten seine Kinder an seine Stelle. So setzt sich die Erbfolge generationenweise fort, bis ein lebender Erbe gefunden ist.
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Erbfolge simulieren – kostenlos ›Wie viel erbt der Ehepartner?
Der überlebende Ehepartner nimmt eine Sonderstellung ein, denn er gehört keiner Ordnung an, sondern erbt nach eigenen Regeln (§ 1931 BGB). Neben Kindern erbt der Ehepartner im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft in der Regel ein Viertel, plus ein weiteres Viertel als pauschalen Zugewinnausgleich – zusammen also die Hälfte des Nachlasses. Neben Erben zweiter Ordnung (etwa den Schwiegereltern oder Schwägern) steigt der Anteil sogar auf drei Viertel.
Gibt es weder Verwandte der ersten oder zweiten Ordnung – also Kinder, Enkel, Eltern, Geschwister und deren Kinder – noch Großeltern, erbt der Ehepartner allein (§ 1931 Abs. 2 BGB). Wie groß der Anteil sonst ist, hängt vom Güterstand ab:
- Zugewinngemeinschaft (gesetzlicher Güterstand ohne Ehevertrag): Der Erbteil erhöht sich um ein Viertel als pauschaler Zugewinnausgleich (§ 1371 Abs. 1 BGB) – daher die Hälfte neben Kindern und drei Viertel neben Verwandten der zweiten Ordnung.
- Gütertrennung: Das zusätzliche Viertel entfällt. Neben einem oder zwei Kindern erben Ehepartner und Kinder zu gleichen Teilen, neben drei oder mehr Kindern erhält der Ehepartner ein Viertel (§ 1931 Abs. 1 und 4 BGB).
- Gütergemeinschaft: Auch hier gibt es keinen Zuschlag; es bleibt beim Erbteil nach § 1931 Abs. 1 BGB.
Eingetragene Lebenspartner erben wie Ehepartner. Weil das Ergebnis so stark vom Einzelfall abhängt, sorgt ein Testament für klare Verhältnisse.
Erben ohne Kinder: Eltern, Geschwister, Neffen
Hinterlässt der Verstorbene weder Kinder noch Enkel, kommt die zweite Ordnung zum Zug. Leben beide Eltern, erben sie zu gleichen Teilen. Ist ein Elternteil bereits verstorben, treten dessen Kinder an seine Stelle – also die Geschwister oder Halbgeschwister des Verstorbenen und, wenn auch sie nicht mehr leben, deren Kinder (§ 1925 BGB). Ein Beispiel: Ein lediger, kinderloser Mann stirbt; sein Vater lebt, die Mutter ist bereits gestorben und hat zwei weitere Kinder. Dann erbt der Vater die Hälfte, die beiden Geschwister erhalten je ein Viertel.
War der Verstorbene verheiratet, erhält der Ehepartner neben diesen Verwandten im gesetzlichen Güterstand drei Viertel; das übrige Viertel teilen sich die Eltern oder an ihrer Stelle die Geschwister. Erst wenn es in der zweiten Ordnung niemanden gibt, erben die Großeltern und deren Abkömmlinge, also Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins (§ 1926 BGB).
Für Alleinstehende ohne Kinder heißt das: Ohne Testament erben die Eltern, an die Stelle eines verstorbenen Elternteils treten Geschwister, Nichten und Neffen. Lebensgefährten, Freunde oder eine gemeinnützige Organisation gehen leer aus – wer sie bedenken möchte, braucht ein Testament. Geschwister, Nichten und Neffen sind dabei nicht pflichtteilsberechtigt; die Eltern können dagegen einen Pflichtteil verlangen, wenn sie im Testament übergangen werden (§ 2303 Abs. 2 BGB).
Was viele überrascht
Die gesetzliche Erbfolge hält einige Überraschungen bereit, die regelmäßig zu Enttäuschung und Streit führen:
- Unverheiratete Partner erben gesetzlich überhaupt nichts – egal, wie lange die Beziehung gedauert hat oder ob ein gemeinsamer Haushalt bestand
- Stiefkinder ohne Adoption haben kein gesetzliches Erbrecht gegenüber dem Stiefelternteil
- Geschiedene Ehepartner erben nach der Scheidung nicht mehr
- Bei kinderlosen verheirateten Paaren erben oft die Schwiegereltern oder Schwager und Schwägerin mit
- Verlobte oder Lebensgefährten ohne eingetragene Partnerschaft sind erbrechtlich Fremde
Stiefkinder erben vom Stiefelternteil nur, wenn er sie adoptiert hat. Und schon vor der Scheidung kann das Erbrecht des Ehepartners entfallen: wenn die Voraussetzungen der Scheidung vorlagen und der Verstorbene sie beantragt oder ihr zugestimmt hatte (§ 1933 BGB). Paare ohne Trauschein und Patchworkfamilien regeln ihre Nachfolge deshalb am besten selbst.
Erbengemeinschaft: Wenn mehrere gemeinsam erben
Erben mehrere Personen gemeinsam, bilden sie automatisch eine Erbengemeinschaft. Das bedeutet: Sie können nur gemeinsam über den Nachlass verfügen. Niemand kann allein über ein Haus, ein Konto oder einzelne Gegenstände entscheiden. In der Praxis führt das häufig zu zähen Konflikten – besonders, wenn sich die Miterben über den Verkauf einer Immobilie oder die Aufteilung von Erinnerungsstücken nicht einigen können. Ein Testament kann genau das verhindern, indem es klare Zuordnungen schafft und Streit vorbeugt.
Der Staat als letzter Erbe
Gibt es überhaupt keine auffindbaren Verwandten und kein Testament, fällt der gesamte Nachlass an den Staat – konkret an das Bundesland, in dem der Verstorbene zuletzt wohnte (§ 1936 BGB). Dieses sogenannte Staatserbrecht tritt zwar selten ein, ist aber für viele ein unerwünschtes Ergebnis. Wer das vermeiden und stattdessen Freunde, Nachbarn oder gemeinnützige Organisationen bedenken möchte, kommt um ein Testament nicht herum.
Wann sollten Sie ein Testament errichten?
Spätestens dann, wenn die gesetzliche Erbfolge nicht Ihren tatsächlichen Wünschen entspricht. Das ist besonders häufig der Fall bei unverheirateten Paaren, Patchworkfamilien, kinderlosen Ehepaaren oder wenn Sie bestimmte Personen oder Organisationen gezielt bedenken möchten. Ein handschriftliches Testament können Sie nach § 2247 BGB selbst und ohne Notar errichten. Auch wer Streit unter den Erben vermeiden will, ist mit einem klaren Testament gut beraten. Die gesetzliche Erbfolge passt eben nur selten zu modernen, individuellen Lebenssituationen.
Ein Rechenbeispiel zur Verdeutlichung
Ein verheirateter Mann mit zwei Kindern verstirbt ohne Testament und hinterlässt 400.000 Euro. Im gesetzlichen Güterstand erbt seine Frau die Hälfte, also 200.000 Euro. Die verbleibenden 200.000 Euro teilen sich die beiden Kinder zu gleichen Teilen, erhalten also je 100.000 Euro. Lebte der Mann hingegen unverheiratet mit seiner Partnerin zusammen, ginge diese vollständig leer aus – die gesamten 400.000 Euro fielen allein an die Kinder. Solche Beispiele zeigen eindrücklich, wie wichtig die bewusste Gestaltung des eigenen Nachlasses ist.
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Häufige Fragen
Erbt der Ehepartner automatisch das gemeinsame Haus?
Nein. Gehört das Haus dem Verstorbenen allein oder zur Hälfte, fällt dieser Anteil in den Nachlass. Gibt es neben dem Ehepartner weitere Erben, etwa Kinder, gehört er ihnen gemeinsam als Erbengemeinschaft. Soll der Partner das Haus allein behalten, regeln Sie das am besten in einem Testament.
Kann man ein überschuldetes Erbe ausschlagen?
Ja. Die Ausschlagung ist binnen sechs Wochen möglich, nachdem der Erbe vom Erbfall und vom Grund seiner Berufung erfahren hat; bei Auslandsbezug gelten sechs Monate (§ 1944 BGB). Erklärt wird sie gegenüber dem Nachlassgericht, zur Niederschrift oder in öffentlich beglaubigter Form (§ 1945 BGB).
Können Geschwister einen Pflichtteil verlangen?
Nein. Pflichtteilsberechtigt sind nur Kinder und weitere Abkömmlinge, die Eltern sowie der Ehepartner oder eingetragene Lebenspartner (§ 2303 BGB, § 10 Abs. 6 LPartG). Geschwister, Nichten und Neffen können Sie in einem Testament übergehen, ohne dass ein Ausgleichsanspruch entsteht.
Die gesetzliche Erbfolge ist kein unabänderliches Schicksal, sondern lediglich eine Voreinstellung des Gesetzgebers. Wer sie kennt, kann bewusst entscheiden, ob er sie akzeptiert oder durch ein Testament an seine persönliche Lebenssituation anpasst. Wenn Sie als unverheiratetes Paar zusammenleben, hilft Ihnen unser kostenloser Leitfaden für Paare ohne Trauschein dabei, die richtigen Schritte zu ordnen; parallel können Sie eine Vorsorgevollmacht online ohne Notar erstellen, damit auch im Ernstfall zu Lebzeiten alles geregelt ist. Diese wichtige Entscheidung sollten Sie nicht dem Zufall überlassen.
Quellen & weiterführende Links
- §§ 1924–1930 BGB – Gesetzliche Erbfolge
- § 1931 BGB – Ehegattenerbrecht
- Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz – Broschüre „Erben und Vererben“ (Stand Juli 2025), abgerufen am 22.10.2026
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.